Der mentor uns sein schüler

 

(Leseprobe von meinem Werk „Die Glocken der Stille“)

 

 

Die Verkäufer kennen ihn fast alle. Jemand grüßt ihn mit „Guten Morgen, Professor!“, jemand mit „Guten Morgen, Herr Agim!“

 

Er selbst weiß Bescheid, dass jeder seinen Kunden halten will. Obwohl sie ihn als Schriftsteller kennen, er ist nur ein Mensch und... Wie jeder andere Mensch auch hat er es morgens nötig, Hosen anzuziehen, Shampoo zum Waschen zu nehmen und eine Packung Zigaretten einzustecken!

 

Selbst wenn er sich selbst nicht für jeden als Kunden betrachten mag, ist es ihm einfach wichtig, ins Gespräch zu kommen, damit er stolz beim Nachbarverkäufer die Verbundenheit mit seiner Schriftstellerei präsentieren kann!

 

Viele von ihnen kennt er. Mitbürger, mit einigen hat ihn das Leben bekannt gemacht. Obwohl er sich nicht alle Namen merken kann, mal grüßt er sie, mal nicht. Dies tut er bewusst, aus dem einfachen Grund, um, aus seinem Haus gehend, spontane Sätze zu sprechen, die er vorher eingeübt hat.

 

Verschiedene Motive, auch nicht ausgesprochene, versucht er, seiner Erinnerung einzuschreiben, damit er sie nachträglich entweder in der Klasse oder im Lokal auf einem Stück Papier interpretieren kann. Es gehört zu seinem Arbeitsprinzip, in den Taschen stets Papierstücke, Blätter oder Zigarettenpackungen zu finden...

 

Das passiert auch an diesem Tag. Irgendwie fallen ihm einige Sätze zu, so dass er beinahe neben einem Verkäufer auf dem Verkaufstisch die Ware abstellen will, um sie zu notieren. Aber er zügelt sein Verlangen. Dieser Verkäufer ist ihm fremd. Deshalb könnte der Unbekannte sich über ihn lustig machen. Er könnte behaupten, dass alle Schriftsteller eine Macke haben.

 

Zwischen Begrüßungen und Unachtsamkeit, irgendwie, erkennt er eine Stimme. Eine Stimme, die ihn bremst. Sie lädt ihn weder für irgendeine Ware ein, auch nicht zum Gespräch... Mein Gott, hinter einem Verkaufsstand platziert steht der wohl bekannteste Poet der Stadt... Etwas sticht in seinem Herzen. Es sind Emotionen, die als weiße Vögel losfliegen, um nicht mehr dorthin zurückzukehren, weil sie während des Fluges schwarz werden...

 

„Mentor!“

 

Der Andere präsentiert sein Lächeln, wahrscheinlich routiniert, abgesehen davon, dass die Position hinter dem Verkaufsstand für ein Wiedersehen nicht geeignet ist.

 

Seit Jahren hat er ihn nicht mehr kontaktiert und dachte, dass er irgendwohin ins Ausland gezogen sei. Ebenso wenig war er ihm in einer publizistischen Versammlung begegnet.

 

„Gratulation, Agim!“, sagt der andere, während er dessen Hand drückt. Die Gratulation gilt seinem letzten veröffentlichten Exemplar: „Die Vögel kehren im Frühling nicht mehr zurück...“

 

Agim fühlt sich geehrt und doch unwohl. So unwohl, dass er nicht mehr weiß, ob er ihm antworten soll oder die Anrede so stehen lässt. Die angebotene Zigarette nimmt er an. Er erinnert sich später nicht, ob er die Zigarette des bekanntesten Lyrikers der Stadt anbrannte, oder tat es seine Seele, die fast zu fliegen schien.

 

Und nach einer langen Zeit der Totenstille, die einen Poeten ermordet und einen Verkäufer zum Leben erweckt, findet er doch einen Satz, um ins Gespräch zu kommen.

 

Er traut sich aber nicht, ihn zu fragen, ob er es schafft, etwas zu verkaufen. Genau so wenig fällt ihm ein, die Frage zu stellen, ob er noch schreibt. Da der andere nicht auf die breite Straße gekommen ist, um etwa seine Lyrik zu verkaufen, sondern vielmehr sein Waschpulver. Er fühlt so viel Mitleid, dass es ihm nicht gelingt, Sätze zu formulieren.

 

Mentor war vor zwanzig Jahren sein größter Held. Zwei von ihm veröffentlichte Lyrikbände gehören zu den Bestsellern. Aber... Es kam der Orkan der Revolution... Der Untergang... Das zwanzigste Jahrhundert der unerträglichen Korruption wurde begrüßt, und darum verkauft der Lyriker Waschpulver in einem gemieteten Laden...

 

Er begreift nicht, wie er es mit seinem Selbstbewusstsein schafft, das Gespräch mit Mentor zu gestalten. Jedoch, der Tag ist für ihn erledigt... Er geht wie eine Mimose durch die vielen Straßen, schreibt keinen Satz mehr dabei. Mit Absicht kehrt er spät nach Hause zurück, nur um die Läden geschlossen zu erleben.

 

Der Morgen aber kommt, ebenfalls das Übermorgen... Agim bleibt jeden Tag am Verkaufsstand des Mentors stehen, so dass mittlerweile alle anderen Verkäufer wissen, dass die beiden Poeten sind. Der Mentor und sein Schüler.

 

Für den berühmten Poeten halten die Bürger der Stadt aber den Agim Tirana! Weil er imposant ist und eine teure Koffertasche bei sich trägt. Er ist ein Uni-Professor, während des Präsentierens seiner Bücher bieten sie ihm einen Platz im Präsidium an... Die Kameras der lokalen Fernsehprogramme betrachten ihn als ein nationales Symbol...

 

Den Verkäufer-Poeten aber betrachten seine „Verkäufer-Kollegen“ als zweitrangig... Er überzeugt sie nicht durch das, was er kann, was er in der Tat ist... Er verfügt weder über einen riesigen Körper noch über ein nettes Aussehen. Auch nicht über eine gute Präsentation... Wäre er wie der andere Poet gewesen, so wäre der Mentor nicht einer von uns, der Waschpulver verkauft...

 

Über Agim haben in der letzten Zeit sämtliche lokalen Fernsehkanäle berichtet... Darum wenden sich die Menschen an ihn und nennen ihn: „Den großen Agim Tirana!“ Wäre er ein Parlamentskandidat gewesen, man hätte uneingeschränkt den „Herrn Poeten Tirana“ zum Regierenden gewählt. Auch die Verkäufer sind der gleichen Meinung, dass die Zeit gekommen sei, in der die Intellektuellen rasch reif und klug werden... Schaut euch die Parteien an, hat einer seine Meinung geäußert, alle Sitzungen mit den Intellektuellen führen jene Scharlatane an...

 

***

 

An einem Tag bleibt Agim stehen, um sein Vorbild, den Mentor, zu begrüßen. Im Gegensatz zu anderen Malen aber wirkt er heute offener, selbstbewusster. Ein inneres Lächeln beherrscht seinen Geist.

 

„Hast du Eile?“, fragt er Agim.

 

„Nein“, antwortet der andere.

 

Der Basar ist offen. Zwischen allem herrscht eine - für einen Verkäufer - bittere Stille. Agim aber genießt das, was er sich zwanzig Jahre lang erträumt hat.

 

Ein egoistischer Gedanke drängt sich zwischen einige Dichtungen des Mentors, die er auf den Tisch legt, identisch mit der Einladung einer Poetenseele. Mein Gott, zwischen den üblichen Waschpulversorten verbergen sich wahre Perlen. Hier und da glänzt Lyrik wie ein Rubin, Worte schimmern wie Diamanten.

 

Der Agim Tirana, mit seinem veröffentlichten Arsenal, mit seiner Autorität in der gesamten Stadt, steht der Lyrik gegenüber, die der Mentor gedichtet hat. Agim ist gegen ihn ein Pinocchio. Ein Poet Pinocchio. Ohne Nerv, ohne Blut.

 

Er geht weiter, überlegend wie ein Dichter. Einen Termin im „Großen Café“ will er wahrnehmen. Warum sollte er es nicht tun? Man lud ihn zum Kaffee ein, er versprach es und möchte gern dabei bleiben. Sie verabredeten sich.

 

Und so, mit kleinen Schritten, die Gedanken hin und her wälzend, erreicht er das berühmteste Lokal der Stadt.

 

Sobald der andere ihn sieht, steht er auf und bietet ihm höflich einen Platz an. Es folgen die monotonen Fragen eines Treffens. Danach folgt eine Pause, die viel wiegt, damit Apollon eine gewisse Achtung schon am Beginn des Gesprächs aufbaut, und anschließend folgt ein Wasserfall von Worten ohne Unterlass.

 

Mit ihm war Agim auf demselben Gymnasium gewesen. Sie kamen gut miteinander zurecht. Die Verhältnisse dieser früheren Freundschaft waren von netten Gesten begleitet. Als Apollon anfing, sich intensiv mit der Partei zu beschäftigen, folgte eine Abkühlung der Freundschaft. Agim fragte ihn kaum, welcher Partei er angehörte. Für ihn waren die Publizität und die Poeten einfach überparteilich, weil sie miteinander sprachen, ohne zu fragen, welche Farbe die Kleidung des anderen hat. Wenn aber die Wahlen gekommen waren, wandte sich Apollon an ihn, er wurde warm und herzlicher. Er lud ihn zum Kaffee ein, sogar auch zur nächsten Sitzung seiner Partei...

 

Agim weiß nicht einmal, wann die Wahlen sind, wann überhaupt eine Sitzung stattfindet.

 

„Morgen?“, fragt er unsicher Apollon.

 

„Morgen, weil es so vereinbart ist. Unser Führer hat einen vollen Terminplan. Er hat vor, nach Straßburg zu verreisen...“

 

Er atmet inzwischen aus, als ob er sich an den Effekt seiner Worte herantasten möchte. Als er merkt, dass der andere ihm kaum zuhört, wechselt er die Gesprächsrichtung.

 

„Jetzt sind die Einladungen sogar mit nummerierten Sitzplätzen versehen... Es gibt so viele Interessierte, sodass wir uns nicht im Klaren sind, wie wir mit unseren Militanten zurechtkommen, wegen der Plätze... Die Intellektuellen wie du aber, die finden sich ganz allein zurecht...“

 

Apollon zahlt, obwohl Agim es übernehmen wollte. Er verabschiedet sich von Apollon. Wo soll er nun hin? Er genoss seinen Kaffee, die Einladung hinterlässt bei ihm aber einen bitteren Geschmack. Er weißt nicht wohin, lieber kehrt er nach Hause zurück, um die andere Hälfte des angefangenen Buches abschließend zu lesen. So geht er, darüber nachdenkend, weiter. Er geht über den Basar. Schaut, an der Straßenkurve, in den Verkaufsstand, da, wo der Lyriker der Stadt Waschpulver verkauft. Wagt er einen Schritt... Noch einen... Die Einladung in seiner Tasche kommt ihm wie eine Bombe vor, sie brennt wie eine explosive Masse.

 

Eine Einladung wofür? Eine Einladung für das Nirgendwo. Es kommt ihm so vor, als ob er das Kommando über seine Füße nicht mehr kennt. Irgendetwas vernagelt ihn. Er wirft einen weiteren Blick in die Richtung des Verkaufsstandes vom Mentor. Er bemerkt ihn von weitem, denjenigen, der wie eine Leiche im Stehen aussieht. Genauso wie die Särge hochgestellt werden, wenn diese zum Eingang des Hauses der betroffenen Familie geliefert werden, um die Leiche einzusargen. Selbst die neusten Verkaufsstände sieht er nicht. Sie alle kommen ihm wie Särge vor. Der Verkäufer der Zollstöcke war ein bekannter Ingenieur der Ökologie. Der Obstverkäufer etwas weiter war ein Diplomat, der andere, war früher ein Oberbefehlshaber, und er verkauft Socken, der Verkäufer daneben war ein Mikrobiologe...

 

Sie sind vor ihrer Zeit verstorben... Der Ingenieur ist gestorben, auch der Diplomat, auch der Oberbefehlshaber, selbst auch der Mikrobiologe... Oh lieber Gott, wer tötete sie alle, wer?

 

Diese verrückte Zeit, um Jemanden zu einem Niemanden zu transformieren. Hingegen einen Niemanden gestaltet sie zum neuen Jemanden... Nur wenige von ihnen dekorieren sich mit dem, was sie wert waren! ...

 

Seine Augen verdunkeln sich. Sammelt er seine Kräfte, wagt es, noch weitere Schritte nach vorn zu gehen. Er weiß, dass der Mentor jeden Tag auf ihn wartet, um einen Gedankenaustausch zu führen, um ihm seine eben geschriebene Lyrik zu präsentieren...

 

Er steckt die Hand in die Tasche. Die Einladung ist da, sehr hübsch geschrieben, die erste Reihe, der sechste Sitzplatz. Genau gegenüber den vielen Kameras. Um den Journalisten sagen zu können: „Schaut an, der große Agim Tirana gehört uns, der Intellektuelle X gehört zu uns, den Y haben wir verdient...“ Er schüttelt den Kopf. Wenn er sie aber fragen würde, welche seiner Bücher sie überhaupt gelesen haben? Er schüttelt erneut den Kopf... Kein einziges... keiner von ihnen... kein einziges Buch... Keiner von all denjenigen...

 

Obwohl der Basar neu ist, ist die Straße immer noch nicht asphaltiert. Gestern Abend fiel starker Regen, die Löcher auf der Straße sind voller Schlamm. Beinahe will er die Einladung rausholen, um sie wegzuwerfen, aber nein, er möchte keinen schlechten Eindruck bei den Verkäufern erwecken, die mit Sympathie auf Kunden warten, die sich freuen, wenn ihr Sortiment interessant wirkt. So überlegt er sich eine kultivierte Methode. Er holt die Einladung aus der Tasche, zerreißt sie ausführlich und wirft sie in einen Mülleimer. Abgesehen davon, dass er sein Vorhaben gewagt erledigte - unabhängig von den Blicken der Verkäufer -, doch dem überlegenden Blick eines mächtigen Verkäufers, konnte er nicht entwischen.

 

„Hast du gesehen?“, fragt er seinen Nachbarverkäufer, „Agim Tirana zerriss eines seiner Gedichte und warf es in den städtischen Müll.“

 

Agim fühlt sich erleichtert und erholt. Heute konnte er nicht mehr tun als das.

 

 

Dezember 2003

 

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